In dem Interesse an der verantwortlichen Selbstbestimmung des Einzelnen berüh- ren sich die Intentionen von Straffecht und Mediation. Nicht zufällig sind von der Frage nach der Autonomie der Menschen in der heutigen Gesellschaft wesentliche Gehalte der Diskussion über die alternativen Maßnahmen bestimmt. Der Schutz ihrer Mitglieder durch die Zentralgewalt und zugleich vor ihr war das zentrale Problem der modernen Gesellschaft. Sie hat es nicht gelöst, und gerade im Umgang mit Konflikt und Abweichung kehrt es immer wieder. Was aber kann die Rede von autonomen Subjekten heute noch bedeuten? Die Antwort lautet, daß die Frage nach der Selbst- bestimmung des Einzelnen nicht unabhängig von der Frage nach dem Frieden der Gesellschaft zu beantworten ist. Das Individuum ist nicht das Gegenüber der Gesellschaft. Diese Antwort gibt die Mediation, wenn sie das Handeln des Einzelnen in seinem sozialen und politischen Kontext thematisiert und, anders als der Leviathan, den Frieden und die Einheit der Gesellschaft nicht jenseits der Vielfalt der Individuen und ihrer Willen zu begründen versucht, sondern aus diesem Reichtum hervorgehen lassen will. Wenn Mediation heute Bedeutung besitzt, so gewiß nicht aufgrund der spärlichen Versuche ihrer praktischen Realisierung, sondern weil ihre Idee uns diesseits des Rechts vor die Frage nach der Gerechtigkeit stellt. Sie kann Recht als Orientierungsmaßstab sozialen Handelns anerkennen, sofern es selbst an der Idee der Gerechtigkeit orientiert ist, sofern es nämlich nicht nur abstrakt und negativ der Eindämmung von individueller Gewalt dient, sondern selbst ebenso an der gesellschaftlichen Aufgabe der Friedensstiftung arbeitet. Indem sie die Austragung von Konflikt und Streit bei den Protagonisten läßt, läßt sie auch die Richtigkeit und Vernunft ihrer Gerechtigkeit im Streit. Das bedeutet nicht Indifferenz oder Resignation. Die Frage, was angemessen ist, offen zu halten, bedeutet gerade, über Gerechtigkeit nachzudenken.

Recht im Streit. Das Jugendstrafrecht, die alternativen Sanktionen und die Idee der Mediation

Claudius Messner
1996

Abstract

In dem Interesse an der verantwortlichen Selbstbestimmung des Einzelnen berüh- ren sich die Intentionen von Straffecht und Mediation. Nicht zufällig sind von der Frage nach der Autonomie der Menschen in der heutigen Gesellschaft wesentliche Gehalte der Diskussion über die alternativen Maßnahmen bestimmt. Der Schutz ihrer Mitglieder durch die Zentralgewalt und zugleich vor ihr war das zentrale Problem der modernen Gesellschaft. Sie hat es nicht gelöst, und gerade im Umgang mit Konflikt und Abweichung kehrt es immer wieder. Was aber kann die Rede von autonomen Subjekten heute noch bedeuten? Die Antwort lautet, daß die Frage nach der Selbst- bestimmung des Einzelnen nicht unabhängig von der Frage nach dem Frieden der Gesellschaft zu beantworten ist. Das Individuum ist nicht das Gegenüber der Gesellschaft. Diese Antwort gibt die Mediation, wenn sie das Handeln des Einzelnen in seinem sozialen und politischen Kontext thematisiert und, anders als der Leviathan, den Frieden und die Einheit der Gesellschaft nicht jenseits der Vielfalt der Individuen und ihrer Willen zu begründen versucht, sondern aus diesem Reichtum hervorgehen lassen will. Wenn Mediation heute Bedeutung besitzt, so gewiß nicht aufgrund der spärlichen Versuche ihrer praktischen Realisierung, sondern weil ihre Idee uns diesseits des Rechts vor die Frage nach der Gerechtigkeit stellt. Sie kann Recht als Orientierungsmaßstab sozialen Handelns anerkennen, sofern es selbst an der Idee der Gerechtigkeit orientiert ist, sofern es nämlich nicht nur abstrakt und negativ der Eindämmung von individueller Gewalt dient, sondern selbst ebenso an der gesellschaftlichen Aufgabe der Friedensstiftung arbeitet. Indem sie die Austragung von Konflikt und Streit bei den Protagonisten läßt, läßt sie auch die Richtigkeit und Vernunft ihrer Gerechtigkeit im Streit. Das bedeutet nicht Indifferenz oder Resignation. Die Frage, was angemessen ist, offen zu halten, bedeutet gerade, über Gerechtigkeit nachzudenken.
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