In Wittgensteins Tractatus ist die Einsicht in die allgemeine Form des Satzes zugleich die Einsicht in die jedem Symbolsystem - auch der Musik - und der Welt gemeinsame logische Struktur. Die Philosophischen Untersuchungen versuchen wiederum, durch die Analogie mit musikalischem Verstehen Aspekte zu beleuchten, wodurch Sprache und Sprachverstehen sich am deutlichsten von einem Kalkül nach strikten Regeln unterscheiden. Die Absichten der zwei Schriften sind also entgegengesetzt: Im Frühwerk führt die Analogie mit der Sprache zuletzt zu einem metaphysischen Verständnis von Musik; das Spätwerk gelangt durch die Analogie mit der Musik zu einem nicht mehr metaphysischem Verständnis von Sprache. Der Beitrag ist wie folgt gegliedert: 1) Der Tractatus will auf die gemeinsame logische Struktur von Welt, Sprache und Musik hinweisen und zugleich auf die prinzipielle Unaussprechbarkeit der ästhetischen Dimension überhaupt; letzteres impliziert auch die Unmöglichkeit einer musikalischen Ästhetik. Beide Auffassungen gibt Wittgenstein in der Folgezeit auf. 2) Der Tractatus hebt die Sprachähnlichkeit der Musik hervor, der Cambridger Wittgenstein auch (und vor allem) die Musikähnlichkeit der Sprache. Schwierigkeiten mit der Philosophie des Frühwerks führen ihn zu einer verstärkten Aufmerksamkeit für Satzklang und -rhythmus. Letzterer erscheint nun als ein wesentliches Merkmal unserer unanalysierten Vorstellung vom Satz. 3) Absolute Musik bildet eine Analogie für die sogenannte "Autonomie der Grammatik". Darüber hinaus unterscheidet Wittgenstein zwei Aspekte am Verstehen eines Satzes: Beim ersten geht es um einen Sinn, den auch andere Sätze mitteilen können, beim zweiten um etwas, was nur diese Worte, in diesen Stellungen, ausdrücken können. In diesem zweiten Aspekt ist ein Satz mit einem musikalischen Thema zu vergleichen und das Verstehen eines Satzes mit musikalischem Verstehen. Hier scheint Bedeutung nicht einfach Gebrauch des Wortes, sondern auch etwas, was man erlebt; und diese erlebte Bedeutung ist mit dem Bemerken von 'Aspekten' (dem 'Hören als') im musikalischen Verstehen verwandt. 4) Dabei geht es Wittgenstein darum, beim Würdigen dieser Seite nicht in die gravierenden Missverständnisse zurückzufallen, die mit dem Bild vom Verstehen als psychologischem Vorgang einhergehen. Er erweitert den Blick: von dem angeblichen Vorgang hin zum Ganzen der Technik, des Sprachspiels, der Kultur, in der das Erleben von Musik und Bedeutung wurzelt. Musikalisches Verständnis setzt nämlich die Vertrautheit mit Sprachspielen voraus, auf die sich musikalische Erklärungen ständig beziehen. Aber Musik setzt Sprache nicht lediglich voraus, sondern gehört zu ihr, ist gleichsam ein Ausbau, eine Erweiterung der Sprache. Ein musikalisches Thema "ist in Wechselwirkung mit der Sprache"; denn einerseits hat es im "Rhythmus unsrer Sprache, unseres Denkens und Empfindens" "ein Paradigma", andererseits ist das Thema selbst "auch wieder ein neuer Teil unsrer Sprache, es wird in sie einverleibt; wir lernen eine neue Gebärde."

"Das musikalische Thema sagt mir sich selbst." Anmerkungen zu Bild, Musik und Metaphysik bei Wittgenstein

BRUSOTTI, MARCO
2004

Abstract

In Wittgensteins Tractatus ist die Einsicht in die allgemeine Form des Satzes zugleich die Einsicht in die jedem Symbolsystem - auch der Musik - und der Welt gemeinsame logische Struktur. Die Philosophischen Untersuchungen versuchen wiederum, durch die Analogie mit musikalischem Verstehen Aspekte zu beleuchten, wodurch Sprache und Sprachverstehen sich am deutlichsten von einem Kalkül nach strikten Regeln unterscheiden. Die Absichten der zwei Schriften sind also entgegengesetzt: Im Frühwerk führt die Analogie mit der Sprache zuletzt zu einem metaphysischen Verständnis von Musik; das Spätwerk gelangt durch die Analogie mit der Musik zu einem nicht mehr metaphysischem Verständnis von Sprache. Der Beitrag ist wie folgt gegliedert: 1) Der Tractatus will auf die gemeinsame logische Struktur von Welt, Sprache und Musik hinweisen und zugleich auf die prinzipielle Unaussprechbarkeit der ästhetischen Dimension überhaupt; letzteres impliziert auch die Unmöglichkeit einer musikalischen Ästhetik. Beide Auffassungen gibt Wittgenstein in der Folgezeit auf. 2) Der Tractatus hebt die Sprachähnlichkeit der Musik hervor, der Cambridger Wittgenstein auch (und vor allem) die Musikähnlichkeit der Sprache. Schwierigkeiten mit der Philosophie des Frühwerks führen ihn zu einer verstärkten Aufmerksamkeit für Satzklang und -rhythmus. Letzterer erscheint nun als ein wesentliches Merkmal unserer unanalysierten Vorstellung vom Satz. 3) Absolute Musik bildet eine Analogie für die sogenannte "Autonomie der Grammatik". Darüber hinaus unterscheidet Wittgenstein zwei Aspekte am Verstehen eines Satzes: Beim ersten geht es um einen Sinn, den auch andere Sätze mitteilen können, beim zweiten um etwas, was nur diese Worte, in diesen Stellungen, ausdrücken können. In diesem zweiten Aspekt ist ein Satz mit einem musikalischen Thema zu vergleichen und das Verstehen eines Satzes mit musikalischem Verstehen. Hier scheint Bedeutung nicht einfach Gebrauch des Wortes, sondern auch etwas, was man erlebt; und diese erlebte Bedeutung ist mit dem Bemerken von 'Aspekten' (dem 'Hören als') im musikalischen Verstehen verwandt. 4) Dabei geht es Wittgenstein darum, beim Würdigen dieser Seite nicht in die gravierenden Missverständnisse zurückzufallen, die mit dem Bild vom Verstehen als psychologischem Vorgang einhergehen. Er erweitert den Blick: von dem angeblichen Vorgang hin zum Ganzen der Technik, des Sprachspiels, der Kultur, in der das Erleben von Musik und Bedeutung wurzelt. Musikalisches Verständnis setzt nämlich die Vertrautheit mit Sprachspielen voraus, auf die sich musikalische Erklärungen ständig beziehen. Aber Musik setzt Sprache nicht lediglich voraus, sondern gehört zu ihr, ist gleichsam ein Ausbau, eine Erweiterung der Sprache. Ein musikalisches Thema "ist in Wechselwirkung mit der Sprache"; denn einerseits hat es im "Rhythmus unsrer Sprache, unseres Denkens und Empfindens" "ein Paradigma", andererseits ist das Thema selbst "auch wieder ein neuer Teil unsrer Sprache, es wird in sie einverleibt; wir lernen eine neue Gebärde."
3936000077
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