Wittgenstein schreibt sich selbst die Fähigkeit zu, philosophische Probleme mit ‘ethnologischem’ Blick zu sehen: Der Philosoph ist kein Ethnologe, soll aber eine "ethnologische Betrachtungsweise" (VB 83) verwenden. Wittgenstein will nicht auf eine Theorie hinaus: Der von ihm verwendete Ausdruck "ethnologische Betrachtungsweise" ist vielmehr gleichsam ein Kürzel für die Methode(n), durch die der Sprachgebrauch übersichtlich dargestellt und grammatische Missverständnisse aufgedeckt werden sollen. Wittgenstein setzt sich wiederholt mit ethnologischen Fehldeutungen auseinander. Am bekanntesten sind hier die sogenannten "Bemerkungen über Frazers Golden Bough". Nicht, dass er seine "ethnologische Betrachtungsweise" Frazer verdankte (er weist eher auf Sraffa hin); aber gerade die offensichtliche Unzulänglichkeit von Frazers Ethnologie lenkt Wittgensteins Aufmerksamkeit verstärkt auf den Handlungscharakter von Äußerungen und auf den Ausdruckscharakter von Handlungen: Diese sprachpragmatischen Aspekte hatten bis dahin in seiner philosophischen Methode noch zu wenig Beachtung gefunden. Seine Betrachtungen zur Interpretation fremder Kulturen bleiben insofern nicht ohne Einfluss auf die Entwicklung der 'ethnologischen Betrachtungsweise', die dann die ‚Philosophischen Untersuchungen‘ und noch die späten Reflexionen ‚Über Gewissheit‘ prägt. Während ein anderer Aufsatz des Vf.s auf die Bemerkungen der frühen dreißiger Jahre ausführlich eingeht, wird die Analyse im vorliegenden Beitrag anhand späterer, weniger bekannter Aufzeichnungen aus Wittgensteins Nachlass durchgeführt.

Überflüssige Annahmen. Wittgensteins Auseinandersetzung mit James Frazers evolutionärer Anthropologie

Brusotti, Marco
2007-01-01

Abstract

Wittgenstein schreibt sich selbst die Fähigkeit zu, philosophische Probleme mit ‘ethnologischem’ Blick zu sehen: Der Philosoph ist kein Ethnologe, soll aber eine "ethnologische Betrachtungsweise" (VB 83) verwenden. Wittgenstein will nicht auf eine Theorie hinaus: Der von ihm verwendete Ausdruck "ethnologische Betrachtungsweise" ist vielmehr gleichsam ein Kürzel für die Methode(n), durch die der Sprachgebrauch übersichtlich dargestellt und grammatische Missverständnisse aufgedeckt werden sollen. Wittgenstein setzt sich wiederholt mit ethnologischen Fehldeutungen auseinander. Am bekanntesten sind hier die sogenannten "Bemerkungen über Frazers Golden Bough". Nicht, dass er seine "ethnologische Betrachtungsweise" Frazer verdankte (er weist eher auf Sraffa hin); aber gerade die offensichtliche Unzulänglichkeit von Frazers Ethnologie lenkt Wittgensteins Aufmerksamkeit verstärkt auf den Handlungscharakter von Äußerungen und auf den Ausdruckscharakter von Handlungen: Diese sprachpragmatischen Aspekte hatten bis dahin in seiner philosophischen Methode noch zu wenig Beachtung gefunden. Seine Betrachtungen zur Interpretation fremder Kulturen bleiben insofern nicht ohne Einfluss auf die Entwicklung der 'ethnologischen Betrachtungsweise', die dann die ‚Philosophischen Untersuchungen‘ und noch die späten Reflexionen ‚Über Gewissheit‘ prägt. Während ein anderer Aufsatz des Vf.s auf die Bemerkungen der frühen dreißiger Jahre ausführlich eingeht, wird die Analyse im vorliegenden Beitrag anhand späterer, weniger bekannter Aufzeichnungen aus Wittgensteins Nachlass durchgeführt.
2007
9783826035791
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